Romananfänge des 19. Jahrhunderts

Beispiel 1

Beispiel 2

Beispiel 3

Beispiel 4

Beispiel 5

 

Stendhal,
Rot und Schwarz

Nikolaj Gogol
Die toten Seelen

Theodor Fontane
Frau Jenny Treibel

Gottfried Keller,
Der grüne Heinrich

Adalbert Stifter,
Der Nachsommer

 

Zu Romananfängen des 20. Jahrhunderts
                
(Beispiele 6 - 11)

 

 

Beispiel 1

 

Stendhal, Le Rouge et le Noire (1830)

Das Städtchen Verrières kann als eines der anmutigsten in der Freigrafschaft gelten. Seine weißen Häuser mit ihren spitzigen roten Ziegeldächern breiten sich am Hang eines Hügels aus, von dessen kaum bemerkbaren Wellungen sich die Kronen mächtiger Kastanienbäume abheben. Ein paar hundert Fuß unterhalb der Befestigungen des Städtchens fließt der Doubs dahin. Diese Wälle, einst von den Spaniern erbaut, sind jetzt völlig verfallen. [...]                                                                                   

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Kommentar:

Ein Er-Erzähler erzählt in der weitgefassten Perspektive einer panoramaartigen Beschreibung. Er erzeugt den Eindruck einer Reisebeschreibung, die die kommende Romanhandlung in eine gesicherte, reale Kulisse stellt. Er schildert eine glaubwürdige, weil authentisch wirkende Umwelt, die für den Leser verlässlich sein soll.

 

 

 

 

 

Beispiel 2

 

Nikolaj Gogol, Die toten Seelen (1842)

Ins Hoftor einer Gastwirtschaft der Gouvernementsstadt H. rollte eine dieser kleinen hübschen und gut gefederten Kaleschen, wie sie besonders von Junggesellen bevorzugt werden, nämlich von Oberleutnants, Stabskapitänen und Gutsbesitzern, die über ungefähr hundert Seelen geboten – kurz von jener Sorte Menschen, welche zur sogenannten Mittelklasse gerechnet werden. [...]

 

Kommentar:

Der beschreibende Blick des Erzählers verweilt zunächst aus relativ großer Distanz und ungenau auf dem Vorgang. Die Szene wird sogleich ins Typische, Allgemein-Verbindliche eingeordnet. (Vgl. das auf Bekanntes verweisende Demonstrativpronomen.) Der auktoriale Erzähler schildert einen Vorgang, der sich dem Leser durch einige fest geknüpfte Bezüge als glaubhafte Realität darstellen soll; er greift dabei auf dem Leser Bekanntes zurück, auf die Kenntnis nämlich eines sozialen Status und seiner Symbole.

 

 

Beispiel 3

 

Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel (1892)

An einem der letzten Maitage, das Wetter war schon sommerlich, bog ein zurückgeschlagener Landauer vom Spittelmarkt her in die Kur- und dann in die Adlerstraße ein und hielt gleich danach vor einem, trotz seiner Front von nur fünf Fenstern, ziemlich ansehnlichen, im übrigen aber altmodischen Hause, dem ein neuer gelbbrauner Ölfarbenan-
strich wohl etwas mehr Sauberkeit, aber keine Spur von gesteigerter Schönheit gegeben hatte, beinahe das Gegenteil. Im Fond des Wagens saßen zwei Damen mit einem Bologneserhündchen, das sich der hell und warm scheinenden Sonne zu freuen schien. Die links sitzende Dame von etwa Dreißig, augenscheinlich eine Erzieherin oder Gesellschafterin, öffnete von ihrem Platz aus zunächst den Wagenschlag und war dann der anderen, mit Geschmack und Sorglichkeit gekleideten und trotz ihren hohen Fünfzig noch sehr gut aussehenden Dame beim Aussteigen behilflich.                  

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Kommentar:

Eine genau lokalisierte Szene mit einer präzisen umsichtigen Beschreibung der Außenwelt und der Personen. Auch hier wird gesellschaftliche Rollenverteilung als dem Leser bekannt und vertraut vorausgesetzt.

 

Gemeinsamkeiten der Beispiele 1 - 3:

 

 

  • Außenwelt wird so authentisch wie möglich geschildert: historische Daten, soziale Gegebenheiten, genaue Beschreibung von Schauplatz und Hergang.

 

  • Die erzählte Welt soll schon in den ersten Sätzen dem Leser vertraut und erfahrbar gemacht werden.

 

  • Der Erzähler scheint sich von vornherein seiner Autorität sicher zu sein, das Erzählen gibt sich in nichts als erfunden zu erkennen.

 

 

Beispiel 4

Gottfried Keller, Der grüne Heinrich (1853/54)

Mein Vater war ein Bauernsohn aus einem uralten Dorfe, welches seinen Namen von dem Alemannen erhalten hat, der zur Zeit der Landteilung seinen Spieß dort in die Erde steckte und einen Hof baute. Nachdem im Verlauf der Jahrhunderte das namengebende Geschlecht im Volke verschwunden, machte ein Lehenmann den Dorfnamen zu seinem Titel und baute ein Schloss, von dem niemand mehr weiß, wo es gestanden hat; ebenso wenig ist bekannt, wann der letzte „Edle“ jenes Stammes gestorben ist. Aber das Dorf steht noch da, seelenreich und belebter als je, während ein paar Dutzend Zunamen unverändert geblieben und für die zahlreichen, weltläufigen Geschlechter fort und fort ausreichen müssen.                                                                             

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Kommentar:

Der Ich-Erzähler schildert seine Herkunft in epischer Breite und bezieht dabei die historische und legendäre Vergangenheit mit ein.

 

 

Beispiel 5

Adalbert Stifter, Der Nachsommer (1857)

Mein Vater war ein Kaufmann. Er bewohnte einen Teil des ersten Stockwerkes eines mäßig großen Hau-ses in der Stadt, in welchem er zur Miete war. In demselben Hause hatte er auch das Verkaufsgewölbe, die Schreibstube nebst den Warenbehältern und anderen Dingen, die er zu dem Betriebe seines Geschäftes bedurfte. In dem ersten Stockwerke wohnte außer uns nur noch eine Familie, die aus zwei alten Leuten bestand, einem Manne und seiner Frau, welche alle Jahre ein oder zwei Male bei uns speisten und zu denen wir und die zu uns kamen, wenn ein Fest oder ein Tag einfiel, an dem man sich Besuche machte oder Glück zu wünschen pflegte. Mein Vater hatte zwei Kinder, mich, den erstgeborenen Sohn, und eine Tochter, welche zwei Jahre jünger war als ich.         

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Kommentar:

Im Vergleich zu Gottfried Keller (Beispiel 4) eine engere Perspektive: Es fehlt der weit ausholende Rückblick in die Vergangenheit. Minutiös beschreibt der Ich-Erzähler die Herkunft und die Lebensumstände seiner Kindheit.

 

Gemeinsamkeit der Beispiele 4 und 5:

 

 

Der Romanbeginn dient der Beglaubigung des Ich-Erzählers. Die biografische Darstellung soll den Ich-Erzähler als glaubwürdig und zuverlässig erweisen.

Zu Romananfängen des 20. Jahrhunderts